Rüstige Rentner/Rentnerinnen - oder alt und einsam?
Ist eine solch klare Differenzierung tatsächlich zulässig? Sollte es für jeden von uns eine entsprechende Wahlmöglichkeit wirklich geben, so würden wir uns wohl alle für „Rüstige Rentner“ entscheiden. Doch so einfach ist es leider nicht.
Wir alle müssen begreifen und, so schwer es fällt, auch für uns selbst akzeptieren, dass Altern ein ganz normaler und unaufhaltsamer Teil des Lebenszyklus und kein abgesonderter Lebensabschnitt ist. Altern ist ein normaler Prozess im menschlichen Reifen und Wachsen, der in verschiedenen Phasen mit unterschiedlichen, aufeinander aufbauenden Entwicklungsphasen verläuft. Der letztlich einen jeden von uns tangiert, sofern wir nicht schon früh durch Unfälle oder Krankheit aus dem Leben gerissen werden.
Es ist legitim, von zwei Altersphasen im Lebenszyklus zu sprechen. Von der Phase der „Jungen Alten“ oder der „Rüstigen Rentner“, die sich in der Gesellschaft weiterhin betätigen, vorwiegend im bürgerschaftlichen Engagement, aber nicht mehr an Posten, in Funktionen oder in Ämtern verhaftet sind. Und von der Phase der „Alten Alten“, denjenigen also, die noch immer interessiert in unserer Gesellschaft leben, aber zunehmend durch den Wegfall von Freunden und Bekannten alt und einsam werden, und sich zunehmend in stärkerem Maße auf den Übergang in neue Welten vorbereiten.
Wenn wir auf die eingangs
gestellte Frage der Zulässigkeit einer klaren Differenzierung zwischen
„Rüstigen Rentnern“ und „Alt und einsam“ zurückkommen, so wird erkennbar, dass
es das Ziel eines jeden von uns sein sollte, das Thema „Alt und einsam“
möglichst weit nach hinten zu verschieben.
Welche Möglichkeiten hat der
Einzelne, möglichst lange zur Gruppe der „Rüstigen Rentner“ zu gehören?
Keine Frage: Er muss selbst aktiv werden und prüfen, welchen Weg zur Zielerreichung er einschlagen will. Glücklicherweise kann er aus vielen verschiedenartigen Möglichkeiten auswählen.
Möglichkeit 1:
Aktives Ankämpfen gegen den Generationenkonflikt
In den letzten Jahren lebte jede Generation mehr oder weniger nebeneinander her, hatte ihre eigenen Interessen und lebte diese aus. Schlagworte seien die „Generation Disco“ und die „Generation Golf“.
Sogar die Politik hat endlich verstanden, dass in dieser Unabhängigkeit der Generationen, der Segregation, sehr viel Zündstoff lauert. Denn schon hören wir fast täglich in den Medien und dort durchaus wirksam inszeniert, dass die junge Generation die Älteren in unserer Gesellschaft als diejenigen wahrnimmt, welche die Jüngeren wirtschaftlich stark belasten und heute auf Kosten der Jüngeren leben.
Einer Eskalation dieses Generationenkonflikts entgegen wirken kann und muss aber der Einzelne, indem er sich in generationsübergreifenden Projekten engagiert, um so durch einen geeigneten Dialog einem sich Verselbständigen diverser Vorurteile zwischen Jung und Alt entgegenzuwirken. Weiterführende Informationen hierzu unter www.generationendialog.de.
Ein sehr gutes Mittel in dieser Richtung ist das Mittun in intergenerativen Projekten außerhalb der Familien. Viele von uns Lions sind hier bereits eingebunden, sei es als Mentoren für Junge bei deren Berufseinstieg oder Existenzgründung oder als Nutzer von Angeboten Junger zur optimalen Computernutzung Damit gehören diese gleichzeitig zur vermittelnden und zur aneignenden Generation und sind damit wahrlich intergenerativ engagiert.
Doch auch die Themen Hausaufgabenhilfe, Musikerziehung oder Sportförderung sind als intergenerative Projekte von größter Bedeutung, denn nur durch das ehrenamtliche und kostenlose Engagement Älterer können Kinder z.B. finanzschwacher Alleinerziehender überhaupt in den Genuss solcher Angebote kommen.
Die Win-Win-Situation, die zum Gelingen eines jeden Projekts unabdingbar ist, liegt auf der Hand, was die Jungen angeht. Und die Älteren gewinnen durch Selbstzufriedenheit, ausgelöst durch die Erkenntnis gebraucht zu werden.
Möglichkeit 2:
Wahl der geeigneten Wohnform am Tage
Landauf, landab wird in unserem Land über die sterbenden Dörfer und die Vereinsamung in den Städten berichtet. Und dies geschieht zu Recht, denn die Entwicklung ist schon da und wird sich bis 2030 dramatisch verstärken. Kurz zusammengefasst werden kann dieser Sachverhalt zum Motto „Unbewohnt und seelenlos“. Sicher keine Hilfe, um möglichst lange zur Gruppe der „Jungen Alten“ gehören zu können.
Ist dieses erkannt, so liegt theoretisch die Lösung im Umzug an kommunikationsfördernde Orte.
Doch Vorsicht: Die Regierung fördert Wohnungseigentum als wichtiges Element der Altersvorsorge und wer will im Alter sein Heim gerne aufgeben? Aber selbst wenn ein alter Mensch in eines der heute üblichen Alten- und Pflegeheime umziehen wollte, er wird es oft nicht können, weil erstens das Renteneinkommen zu niedrig ist und zweitens schon jetzt die Immobilienpreise in strukturschwachen Gebieten dramatisch sinken. Er wird also in seinem Zuhause bleiben müssen, solange es irgendwie geht.
Welche alternative altersgerechte Wohnform könnte in dieser Situation interessant sein, um der Vereinsamung in den eigenen vier Wänden zu entgehen?
Schauen wir gemeinsam zurück. In das Leben vor fünfzig Jahren. In ein Familienleben. Zu jenen Familien, in denen Großeltern, Eltern und Kinder unter einem Dach lebten. In einem Mehrgenerationenhaus. Nur - dieser Begriff existierte damals noch nicht.
Aber die Vorteile dieser Wohnform liegen auf der Hand. Die Großeltern erzogen die Kinder mit ihrem reichen Erziehungswissen nebenbei, wenn die Eltern außer Haus waren. Sie gaben Alltagskompetenzen weiter, denn alle miteinander mussten sich ständig z. B. nach Streit wiederversöhnen, sie mussten erkennen, dass guter Rat oft sehr nützlich ist und wie eigene Vorstellungen diplomatisch oder mit List durchzusetzen sind.
Wie können moderne Mehrgenerationenhäuser aussehen? Die Großfamilien existieren nicht mehr, aber es braucht zum Nutzen aller Orte, an denen sich die Generationen begegnen und einander helfen, auch wenn sich nicht miteinander verwandt sind.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Mehrgenerationenhäuser ersetzen kein Altenheim, denn sie stellen keine Wohnungen dar. Sondern sie sind offene Treffpunkte für alle Bürger einer Gemeinde. Sie bieten Kommunikationsmöglichkeiten während des Tages. Man kann dort gemeinsam essen, spielen, sich gegenseitig helfen. Die Angebote entstehen ganz entsprechend des individuellen Bedarfes vor Ort.
Bundesministerin von der Leyen hat die Mehrgenerationenhäuser als „soziale Bienenstöcke“ bezeichnet. Den Honig, den sie produzieren, das sind menschliche Beziehungen, die Weitergabe von Kulturwissen und unentgeltliche Hilfe untereinander. Ein neues Miteinander entsteht. Und es braucht keine Erläuterung der Win-Win-Situation, denn diese liegt für jede Generation auf der Hand.
Möglichkeit 3:
Gegenseitige Hilfe als Gegenpol zur modernen Technik
Sehr ratsam ist es, sich zu entschließen, als „Rüstiger Rentner“ einem Mitmenschen aus der Gruppe der „Alten und Einsamen“ zu helfen. Sozusagen intragenerationell. Oft genügen schon eher kleine Hilfen, um der Vereinsamung alter Menschen entgegen zu wirken. Und sind es die wöchentliche Kaffeerunde oder das Mitnehmen in eine Veranstaltung.
Die Japaner als technikbegeistertes Volk sind derzeit dabei, die Anschaffung von Haushalts- und Gesellschaftsrobotern zu fördern. Nahezu alle namhaften Forschungsinstitute entwickeln Maschinen, die alten Menschen das Leben erleichtern und zwischenmenschliche Beziehungen ersetzen sollen.
Warum diese Förderung? Alleine in Tokio leben etwa eine halbe Million alter Menschen alleine und ohne Angehörige, von denen 1.600 im Jahre 2004 einsam und unbemerkt in ihren Wohnungen verstarben.
Professoren am japanischen Riken-Institut erwarten, dass schon in wenigen Jahren Roboter die täglichen Pflichte wie Waschen, Putzen oder Kochen übernehmen. Schon jetzt können menschenähnlich gestaltete Roboter Menschen aus dem Bett heben und zur Toilette tragen.
Eine Aussicht, von der ich mir wünsche, dass sie mir in der Phase des „Alt und Einsam-Seins“ durch das Hilfsangebot eines „Rüstigen Rentners“ hoffentlich erspart bleibt.